Wolfgang
Schwerdt, Autor zahlreicher kulturhistorischer Werke, hat ein neues Buch
veröffentlicht. Ihm ging es diesmal ums Wesentliche: um Blut und Blutsauger,
Tote und Wiedergänger. Sein Buch "Vampire, Wiedergänger und Untote. Auf der Spur der lebenden Toten" führt zu einer manchmal schaurigen Reise
durch die Jahrhunderte. Wir sprachen mit dem Autor.
Gibt es Vampire?
Einfache
Frage – viele Antworten. Als spezielle Ausprägung des schädigenden
Wiedergängers im südosteuropäischen Volksglauben existiert der Vampir in
einigen Regionen tatsächlich immer noch. Als moderne Ableitung aus der
schwarzromantischen Schauerliteratur des 19. Jahrhunderts findet man den Vampir
sogar leibhaftig in einem Teil der sogenannten Gothic-Szene wieder. Und
beileibe nicht zuletzt feiert er gerade in den letzten Jahren ein Revival als
Personifizierung des blutsaugenden Kapitalisten, der wirtschaftshörigen
Politiker, der Finanzspekulanten. Gerade dafür eignet sich kaum ein anderer
schädigender Wiedergänger so gut, wie der Vampir. Denn eine der zentralen
Eigenschaften des Vampirs ist es ja tatsächlich, seiner Gemeinschaft die
Lebenskraft auszusaugen und daraus – obwohl er als Toter in unserer Welt ja
nichts mehr zu suchen hat - seine Existenz unter den Lebenden zu sichern.
Sowohl als
Figur des jeweils auf kleine Gemeinschaften beschränkten Volksglaubens, als
auch in Form der literarischen Verarbeitung des Blutsaugermotivs oder in seiner
seit dem 19. Jahrhundert ungebrochenen Verwendung als politische Metapher war
und ist der Vampir also in der Welt präsent.
Wieso sind die in Ihrem Buch beschriebenen
Figuren so eng mit unserer kulturellen Erinnerung verknüpft? Welche Rolle
spielen die Untoten für uns?
Auch wenn
die Politik nicht müde wird, immer wieder auf unsere christlich-abendländische
kulturelle Prägung zu verweisen, so sind die Einflüsse der vor- und
nachchristlichen Zeiten auf unsere Vorstellungen bei genauer Betrachtung
wesentlich stärker. Auch die Vertreter des abendländischen Christentums haben
zu seiner Durchsetzung zahlreiche Elemente heidnischer Riten und Kulte
übernommen, die alle Bezug zu Jenseitsvorstellungen beinhalten, die im
christlichen Glaubenssystem keinen Platz mehr haben. Der Begriff Volksglaube,
der vor diesem Hintergrund immer mit dem Begriff Aberglaube diskriminiert wird,
bietet den Menschen einen Ersatz für das zumindest in der Vergangenheit
gesellschaftlich und sozial ganz offensichtlich zentrale Bedürfnis, soziale
Netze und Kommunikation auch über den Tod einzelner Mitglieder hinaus aufrecht
zu erhalten.
Unsere unchristlichen
Vorfahren hatten eine ganze Reihe unterschiedlicher Denk-, Ritual- und
Kultsysteme entwickelt, um durch den persönlichen oder über Stellvertreter
vermittelten Austausch zwischen den Gruppenmitgliedern im Dies- und Jenseits
soziale Stabilität zu organisieren. Die Wanderer zwischen den Welten waren Teil
der Realität, die mit Wegfall der alten gesellschaftlichen Strukturen natürlich
nicht einfach verschwanden, sondern für die Neuen zur ständigen Bedrohung
wurden. Naturgemäß waren die vorchristlichen Wiedergänger und Untoten nun
gefährlich, während mit Heiligen und Herrschern christliche Ersatzwiedergänger –
allerdings ohne persönlichen Bezug zur jeweiligen sozialen Gemeinschaft - angeboten
wurden. Mit der Aufklärung und Profanisierung der Gesellschaft, wanderten die
Mittler zwischen dem Dies- und Jenseits schließlich gänzlich in die Welt der
Märchen und Sagen, der modernen Fantasy. Insofern lässt sich sicherlich
feststellen, dass uns die „Zwischenweltfiguren“ mit nachweislich mehreren
Tausend Jahren kulturgeschichtlicher Existenz wohl kaum so schnell verlassen
werden, auch wenn sie sich inzwischen eher in der Unterhaltungsindustrie,
subkulturellen oder okkulten Kreisen tummeln.
Sie schreiben in Ihrem Buch von der Entdeckung
der Vampire im 18. Jahrhundert, auch wenn der Glaube daran viel älter ist. Nach
wie vor ist das Thema populär, aber: Haben wir nicht weitgehend unseren Glauben
an die Toten verloren? Der Austausch zwischen den Welten findet doch nicht mehr
wirklich statt, oder?
Abgesehen
von wenigen Ausnahmen dürfte heute die Behauptung, jemand kommuniziere direkt
mit seinen Ahnen, bei den meisten wohl eher ein nachsichtiges Lächeln
hervorrufen – zumindest in unserem Kulturkreis. Und auch das
selbstverständliche Wandern der Lebenden und Toten zwischen den Welten dürfte
wohl eher der Ausnahmefall sein. Andererseits erfreuen sich
schamanisch-indianische Riten und Weisheiten zunehmender Beliebtheit, vor allem
im Zusammenhang mit dem Bedürfnis ein neues Verhältnis zur Natur zu entwickeln.
Und dass derzeit mit der Ausstellung „Schädelkult“ und 2007 mit der Ausstellung
„Mumien“ der Reiss-Engelhorn-Museen das Thema Jenseitsvorstellungen
publikumswirksam präsentiert werden kann, spricht durchaus für die generelle
Faszination, die das Thema Tod, Sterben, Jenseits immer noch auf die Menschen
ausübt. Und Tatsache ist übrigens auch, dass in anderen Kulturkreisen unserer
heutigen Welt die Verbindung zum Jenseits und zu den Ahnen äußerlich zwar ein
wenig verändert, prinzipiell aber immer noch zum täglichen Leben gehört.
In der
Breite, in den individuellen Vorstellungen aber ist bei uns wohl eher eine
Abkehr vom Jenseits und den Toten als Teil unseres Lebens zu verzeichnen.
Individualismus und Unsterblichkeit ist in den Vordergrund getreten. Das drückt
sich nicht nur in Literatur und Film, sondern auch in der Medizin mit den
lebensverlängernden Maßnahmen, den biologischen Ersatzteillagern und der
Fixierung auf Lebenserwartung statt Lebensqualität aus. Wir haben die Türen zum
Jenseits und unseren Ahnen weitestgehend zugeschlagen und betrachten die
Vorstellungswelten, die noch den natürlichen Kreislauf des Werdens und
Vergehens zur Grundlage haben - und damit übrigens auch unsere eigene Rolle in
der Gesellschaft - wohl eher aus dem Blickwinkel unserer ökonomisch-technologischen
Leitkultur, die derzeit wiederum vor allem durch die in der ersten Antwort
aufgeführten schädigenden Wiedergänger und Untoten geprägt wird.
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