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Dienstag, 31. August 2010

„Nicht einfach so wie ein Schaf verhalten…“ - Interview mit André Herzberg, Sänger der Band Pankow

Die DDR wird nach wie vor kontrovers diskutiert, auch wenn sie als abgeschlossenes Kapitel deutscher Geschichte gilt. Für viele Menschen jedoch war sie gelebte Realität und damit Bestandteil ihrer Biografie. Historikerinnen und Historiker befragen in diesem Band Menschen aus der ehemaligen DDR zu ihren persönlichen Geschichten: Wie war das Leben in der DDR? Was motivierte sie, sich für oder gegen diesen Staat zu engagieren oder sich mit ihm zu arrangieren? Wie wurde der Zusammenbruch der DDR erlebt? Und wie beurteilen sie Leben und Handeln in der DDR im Rückblick?

Mit diesen Fragen beschäftigt sich der Interviewband "Verlorene Zeiten? DDR-Lebensgeschichten im Rückblick. Als Vorgeschmack folgt ein Auszug aus dem Interview mit André Herzberg, Sänger der Band Pankow.


(…)

Nach der Armee haben Sie dann angefangen, Musik zu
studieren.

Ich wollte schon sehr lange Musiker werden, mit 17 oder
vielleicht noch früher. Man brauchte ja in der DDR für
alles einen Schein. Man konnte ja nicht einfach sagen:
„Ich mach’ jetzt Musik.“ Also habe ich mich in Berlin
an der Musikhochschule beworben.

Wollten Sie als Rockstar berühmt werden? Nicht ungewöhnlich
für einen 17-jährigen …

(Lacht) Ich hatte mal so ein Erlebnis mit 14, da habe
ich ein Lied gesungen mit einer Band und hab’ gemerkt,
das klappt mit den Mädchen ganz gut. Also, dass man
da sofort mit anderen Augen angesehen wird. Aber was
das für eine Welt ist, das Leben der Popstars als solches,
darüber hab’ ich gar nicht nachgedacht, das wusste ich
ja gar nicht. Dafür gab es ja in der DDR gar nicht den
Horizont. Es gab da irgendwie die Puhdys, aber die
fand ich ja ganz ätzend. Und alles, was ich so bewundert
habe, war ja eigentlich im Westen.

Welche Musik haben Sie damals gern gehört?
Ein frühes Album zum Beispiel war James Brown live,
dieses Ekstatische, was von dieser Musik rüberkam, das
hat mich wahnsinnig fasziniert: Über die Musik konnte
man was ausdrücken, man konnte da so eine Ekstase
rauslassen, die jenseits war von Sprache. So was ganz
Wildes, Innerliches, was ich vielleicht in mir glaubte zu
fühlen. Ich glaube, das hat mich gekitzelt.

Worauf sollte das Musikstudium hinauslaufen?
Man bekam einen Berufsausweis: Musiker, eine Einstufung,
und auch, wie viel Geld man bekommt. Und mit
dem konnte man auf die Bühne gehen. Ich hatte aber
mit anderen Musikern das Problem, dass das, was ich so
in meinem Kopf hatte, eigentlich gar keinen interessiert
hat. Zu der Zeit war das Wichtigste für jeden Musiker:
Wo bekomme ich die Arbeitsmittel für die Bühne her?
Instrumente, Verstärker und Gesangsanlagen. Alles kam
aus dem Westen. Das heißt, unter Musikern haben wir
eigentlich gar nicht über Musik geredet, sondern über
dieses Besorgen oder das Basteln. Man hatte ja eine
unglaubliche Fantasie entwickelt, Sachen auch selber zu
bauen. Und wenn über Musik nachgedacht wurde, dann
fast immer über das Nachspielen. Denn das Publikum
wollte eigentlich größtenteils irgendwas Internationales
nachgespielt bekommen. Wenn sie schon nicht die
Originale hören konnten, dann sollte der Musiker es
ihnen so gut wie möglich kopieren. Aber das waren
Sachen, die ich nicht machen wollte. Das heißt, ich
brauchte erstmal eine ganze Weile, bis ich überhaupt
Musiker gefunden hatte, die meine Vorstellungen teilten.
Fündig wurde ich dann bei einem Gitarristen, der mit
mir zusammen studiert hatte, der wollte zumindest
eigene Lieder schreiben – und zwar auf Deutsch, das war
mir wichtig. Gleichzeitig haben wir nachgespielt Nina
Hagen, Ian Dury – Beginn von New Wave, Ausläufer
von Punk. Wenn ich auf die Bühne gegangen bin, das war immer
so eine Form des Verkleidens. Sich die Augen anmalen,
irgendeinen Hut aufsetzen und: „WAAH!“ – die
Leute erschrecken. Das hat mir einen sagenhaften Spaß
gemacht, und so ungefähr muss man sich dann dieses
eine Jahr Gaukler Rockband vorstellen, so hieß nämlich
die Band. Wirklich mit einem Schrei auf die Bühne
und Unsinn machen.

1981 kam dann Pankow.
Genau. Veronika Fischer, das war so eine Sängerin, die
war schon sehr populär in der DDR, ging in den Westen.
Das passierte laufend, irgendwelche Leute wurden groß,
und irgendwann, wenn sie richtig groß geworden waren,
gingen sie in den Westen. Und so war das da auch, ihre
Band suchte dann einen Ersatz. In der Situation – ich
war grad rausgeflogen bei Gaukler – haben die mich
gefragt, ob ich mitmache. Naja, so kam es zur Gründung
von Pankow.

Wie würden Sie denn Pankow verorten in der DDR
Musikszene, war das etwas Neues?

Ja, damals wurde es jedenfalls von den Leuten als etwas
Neues begriffen. Auf jeden Fall. Ich meine, wir haben
mit Theaterrock angefangen – das hat es in der DDR
auf gar keinen Fall vorher gegeben. Außerdem war die
Musik für DDR-Verhältnisse sehr rockig, und die Texte
waren sehr dicht am Alltag. Wir selbst haben uns – muss
ich schon sagen – als Elite verstanden.

War Pankow eine politische Band? Ich denke da an Lieder
wie ‚Langeweile‘ ...

Ich selbst würde das immer mehr bestreiten. Ich habe
ja eigentlich immer das Gefühl gehabt, dass die Politik
in meine Lebenswelten eingedrungen ist. Von außen.
Erstmal war die DDR so ein Land, in dem du dich
nicht nach links und rechts drehen konntest, ohne
dass du nicht schon irgendwie dazu genötigt wurdest,
eine politische Aussage zu machen. Also, man wurde
sofort politisiert. Und ich meine – ‚Langeweile‘: Es
ging mir wirklich nicht darum, ein politisches Lied
zu machen, in keinster Weise. Ich habe versucht, ein
Gefühl zu beschreiben. Dass dieses Gefühl dann auch
eine politische Komponente hatte, ja, Gott, ich hab’
nichts dagegen.

Es gab einen Auftritt im Palast der Republik am 30. Januar
1983, wo Sie in Wehrmachtsuniform aufgetreten sind.

Der Anlass war 50 Jahre Machtergreifung des Faschismus.
Also, das hängt auch wieder sehr mit meiner
Biografie und ... ja, und eigentlich mit meiner Mutter
zusammen, mit ihrem Hass auf die Mitläufer ... Und
dann hatte ich mir so überlegt, es gab von uns ein Lied,
das heißt ‚Ich bin lieb‘. Das geht so: „Ich bin lieb, ich
bin immer lieb, dem lieben Gott geb’ ich seins, dem
Staat geb’ ich seins, wenn andere pfeifen – ich tanze...“,
und so weiter und so fort. Und aus diesem Lied hab’ ich
dann einen Monolog entwickelt: Was es für Gründe
gegeben hat, mit Hitler mitzumarschieren, und warum
man mit in den Krieg marschiert ist. Und das hab’ ich
dann aufgesagt und mir währenddessen eine Wehrmachtsuniform
angezogen. Also, das heißt, ich bin in
Unterwäsche auf der Bühne erschienen und erst beim
Anziehen dieser Uniform – dieser Wehrmachtshelm,
die Soldatenuniform und so weiter – wurde klar, wer
da gerade spricht.

Wurde das als Provokation empfunden?
Der ganze Auftritt, bis fünf Minuten vorher, stand
total in Frage: „Was willst du denn, was soll das alles?“
Und: „Wie meinst du das?“ Und so weiter und so fort.
Im Rundfunk wurde dann über meine Ansage drüber
gesprochen, es gab eine Live-Übertragung von dem
Konzert, und da haben sie versucht, das auf diese Weise
zu zensieren.

Warum wurde zensiert?
Weil sie Angst hatten, glaub’ ich. Vielleicht, dass der
Mitläufer 1933 der gleiche Mitläufer ist wie 1983 in
der DDR, was das ja auch suggerierte? ‚Ich bin lieb‘
ist eigentlich ein Lied, das sich auch mit der DDR-Wirklichkeit
auseinandergesetzt hat. Wenn man sich
mal reinversetzt in so einen (lacht) Polit-SED-Kulturfunktionär,
der könnte ja sagen: „Wie kann man denn
das gleichsetzen?“ Oder so.

Haben Sie das auch so gemeint?
So bewusst nicht, nein. Wie soll ich sagen? Mir ging es
um eine Abrechnung mit den Mitläufern. Dass es mit
der DDR auch was zu tun hatte, hatte ich mir so gar
nicht überlegt. So weit war ich noch gar nicht. Manchmal
hat man einen künstlerischen Einfall, da kann man
gar nicht genau sagen, was das eigentlich ist. Es ist
erstmal einfach ein Bild, ein inneres Bild.

Sie unternahmen Westreisen, waren Mitte der 80er Jahre
das erste Mal im Westen.

Ja ... (lacht). Wie der Besuch auf dem Mars.

Was haben Sie als ‚marsartig‘ erlebt?
Alles. Die Gerüche... War alles zu viel. Also, das war
so, wie wenn auf einmal das Licht eingeschaltet wird,
von grau nach Farbe, von leise nach laut. Das war
sehr, sehr anstrengend, muss ich sagen. Also gerade in
Deutschland-West konnte ich das wenig genießen. Weil
ich das immer irgendwie als anstrengend empfunden
habe: Was ist denn das? Was ist das hier alles? Das gibt’s
doch gar nicht! Man rennt wie atemlos, nachher bin
ich manchmal durch Kaufhäuser gelaufen, wie ersoffen
sozusagen, und denke, gibt’s doch gar nicht: das, das,
das, das, das, das, das ... Und irgendwann ist man so
durchgedreht, dass man sagt: „Jetzt schnell wieder in die
Zone zurück. In mein Grau, in meine graue Welt.“

Sie haben nie überlegt, im Westen zu bleiben?
Die Frage hab’ ich mir auch neulich mal wieder gestellt.
Naja, ich war dort nicht zu Hause. Ich meine, es war
ja auch ganz simpel: Im Osten habe ich mein Geld
verdient, da war meine Band, meine Familie sowieso.
Ich glaube, so einfach ist das nicht.

(…)


Das Interview führte Cornelia Siebeck

Dieses und weitere Interviews in dem neuen Interviewband des Vergangenheitsverlags: Siebeck, Cornelia / Schug, Alexander / Thomas, Alexander (Hg.), Verlorene Zeiten? DDR-Lebensgeschichten im Rückblick – eine Interviewsammlung, Berlin 2010.


www.vergangenheitsverlag.de

Dienstag, 29. Juni 2010

Der Drachenbändiger: 12 Fragen an Wolfgang Schwerdt (Auszug)

Woher kommt eigentlich deine Faszination für Drachen?
(…) Natürlich hatten mich Drachen schon seit meiner Jugend fasziniert, denn ich war ein begeisterter Leser aller Literatur, die mit Sagen, Mythen und Legenden zu tun hatte. Schwabs schönste Sagen des klassischen Altertums, die germanischen Götter- und Heldensagen und nicht zuletzt natürlich die Ilias und die Odyssee, um nur einige zu nennen. Und da gehören Drachen selbstverständlich immer dazu.

Wie wird man ein Drachenexperte?
Drachenforschung ist eine recht komplexe Angelegenheit und Drachenexperte zu werden erfordert schlicht und ergreifend universelle Interessen, erfordern das, was man in der Neuzeit einen Gelehrten nannte, einen vielseitig Belesenen und Informierten. (…) Für den kulturgeschichtlich orientierten Drachenforscher ist der Drache nicht Ausgangspunkt, sondern Ergebnis und Ausdruck kulturgeschichtlicher Prozesse. Und so gehören zur Drachenforschung linguistische Fragestellungen ebenso wie die Untersuchung sozialer Organisationsformen, die Funktion und Entstehung von Ideologien, Literaturanalyse- und Quellenkritik, Technik- und Kunstgeschichte, Kenntnisse über Archäologie und ihre Methoden und vieles, vieles mehr. Ein wenig von dem, was hinter einer kulturgeschichtlichen Drachenforschung so alles steckt, wird sicherlich im Rahmen meines nächsten Buches mit dem nahezu programmatischen Titel „Andre Zeiten, andre Drachen“ erahnbar sein.

Demnächst kommt ja noch ein anderes Drachenbuch von dir heraus. Kannst du uns schon etwas darüber verraten?
Nichts lieber als das. Ich hatte es oben schon angedeutet, es handelt sich um ein kleines Sachbuch zur Kulturgeschichte des Drachen und heißt ‚Andre Zeiten, andre Drachen’. (...) In diesem Buch aus der Reihe kleine Kulturgeschichten spanne ich den Bogen von der Entstehung der westlichen Drachenvorstellung in Vorderasien und deren gesellschaftliche und kulturelle Bedeutung in Europa über einen Zeitraum von nicht weniger als 10.000 Jahren, bis heute. Das beginnt bei den recht kantigen göttlichen Drachen der babylonischen Schöpfung und endet bei den sehr stromlinienförmigen Drachen der Fantasy unserer Zeit.

Jetzt kommt natürlich noch die Glaubensfrage: Gibt es Drachen tatsächlich?

Für viele Mensche gibt es Drachen, sei es als biologische Wesen in Form der Komodowarane auf den Galapagosinseln oder der Saurier, sei es als innere kosmische Kraft einer esoterischen Lehre, sei es als Archetypus der Tiefenpsychologie. Für mich existiert der Drache ausschließlich als kulturgeschichtliches Phänomen, als real begriffenes Modell komplexer natürlicher oder gesellschaftlicher Prozesse.

Mit freundlicher Genehmigung von „Crazy Cultue Clap“. Das kpmplette Interview gibt es hier: http://crazy-culture-clap.com/2010/06/09/der-drachenbandiger-12-fragen-an-wolfgang-schwerdt/

Im Herbst 2010 erscheint das Taschenbuch „Andere Zeiten, andere Drachen“ im Vergangenheitsverlag: www.vergangenheitsverlag.de

Montag, 21. Juni 2010

65 years after World War II - Reflections of a Nuremberg prosecutor


Vortrag von Prof. Dr. Benjamin Ferencz (Chefankläger in den Nürnberger Einsatzgruppen-Prozessen) im Audimax der Humboldt-Universität, Berlin

Bericht: Der Chefankläger im „größten Mordprozess der Geschichte“, dem Nürnberger Einsatzgruppen-Prozess, Prof. Dr. Benjamin Ferencz, hielt am 28. Mai 2010 einen öffentlichen Vortrag im Audimax der Humboldt-Universität zu Berlin. Die Einsatzgruppen der Sicherheitspolizei (SiPo) und des Sicherheitsdienstes (SD) waren Sondereinheiten des NS-Regimes, welche besonders im Krieg gegen die Sowjetunion 1941-1945 Massenmorde an der Zivilbevölkerung begingen. Mitglieder der Einsatzgruppen waren meist Angehörige der SS, aber auch zahlreiche deutsche Polizeibeamte. Insgesamt ermordeten die Einsatzgruppen ca. eine Million Menschen, darunter Juden, Sinti und Roma sowie politische Gegner des NS-Regimes wie Kommunisten und Partisanen. Die Führer der Einsatzgruppen berichteten stets detailliert über die Tötungsaktionen nach Berlin. Diese Akten wurden nach dem Krieg gefunden und bildeten die Basis für den Einsatzgruppen-Prozess von 1946/47. Der Prozess fand nach dem Nürnberger Hauptkriegsverbrecherprozess unter alleiniger Verantwortung der USA vor einem amerikanischen Militärgericht statt. Alle 22 Angeklagten dieses Prozesses, darunter SS-Gruppenführer Otto Ohlendorf, wurden schuldig gesprochen; 14 erhielten die Todesstrafe. Vier dieser Todesurteile wurden am 7. Juni 1951 vollstreckt, die übrigen wurden in teilweise lebenslange Haftstrafen umgewandelt.

Benjamin Ferencz war mit 27 Jahren der jüngste Chefankläger im Einsatzgruppen-Prozess. Er wurde 1920 in Rumänien geboren und wuchs in den USA auf. Während seines Jurastudiums in Harvard befasste er sich besonders mit Völkerrecht. Während des Krieges kam er zunächst als einfacher Infanteriesoldat nach Europa, erlebte jedoch die Befreiung mehrerer Konzentrationslager. Nach seiner Entlassung aus dem Militär rief ihn jedoch das amerikanische Militärtribunal unter der Leitung von Robert M. Jackson zurück nach Deutschland: Ferencz sollte die Anklage gegen die Kommandeure und Führer der Einsatzgruppen leiten.

Auch nach den Nürnberger Prozessen setzte sich Ferencz weiterhin für den Aufbau eines starken Völkerrechts ein; er gehört zu den Wegbereitern und langjährigen Unterstützern des Internationalen Strafgerichtshofes in Den Haag (IStGH). Er veröffentlichte zudem mehrere grundlegende Werke zum Thema und lehrte als Professor für Internationales Recht in New York. Am 27. Mai 2010 wurde Benjamin Ferencz für seinen lebenslangen Einsatz für das Völkerrecht im Auswärtigen Amt mit dem Großen Verdienstkreuz der Bundesrepublik Deutschland ausgezeichnet.

Der Vortrag von Prof. Dr. Ferencz am 28. Mai stieß auf breites Interesse, das Audimax der Humboldt-Universität war bis auf den letzten Platz gefüllt. Der über 90jährige bedeutende Zeitzeuge des Weltkrieges, wurde Zeuge schlimmster Menschenrechtsverletzungen und erlebte die Sternstunden der Entwicklung des internationalen Völkerrechts. Er referierte u. a. über seine persönlichen Erfahrungen und ausführlich über seine Ermittlungen gegen die NS-Kriegsverbrecher. Zum Abschluss seines Vortrages machte er den Anwesenden Mut, auch weiterhin für internationale Gerechtigkeit und letztlich weltweiten, dauerhaften Frieden zu kämpfen. Er, der gegen die Täter des größten Massenmords der Weltgeschichte ermittelt hat und sie angeklagt hat, sei ein „optimistic realist“ was die Errichtung wirkungsvoller internationaler Strafmaßnahmen gegen Kriegsverbrechen betrifft.

Organisiert wurde dieser Vortrag von der Stiftung Erinnerung, Verantwortung und Zukunft sowie dem Lehrstuhl Prof. Dr. Werle für deutsches und internationales Strafrecht, Strafprozessrecht und Juristische Zeitgeschichte an der Humboldt-Universität zu Berlin.

Vortrag von Prof. Dr. Benjamin Ferencz im Audimax der Humboldt-Universität (Video)

Montag, 19. April 2010

Der Beginn einer neuen Eiszeit? - Eine kleine Geschichte der Vulkanausbrüche


(Berlin, 19. April 2010) Chaos auf den Flughäfen, erzürnte Fluggesellschaften, Ungewissheit bei Millionen Urlaubern – der Ausbruch des Vulkans Eyjafjallajökull unter dem gerade mal fünftgrößten Gletscher Islands hebelt den modernen Reiseverkehr aus wie kein anderes Ereignis zuvor. In nachchristlicher Zeit war er bis 2010 nur drei Mal aktiv – in den Jahren 920, 1612/13 und 1821-23 – und ist damit ein eher ruhiger Zeitgenosse unter den Vulkanen.

Ganz andere Namen kommen uns in den Sinn, wenn wir über diese großen Naturkatastrophen nachdenken. Auf der griechischen Insel Santorin führte um 1.500 v. Chr. ein Vulkanausbruch zu einer riesigen Flutwelle – die Sage von Atlantis entstand. Der berühmte Vesuv zerstörte am 24. August 79 n. Chr. nicht nur Pompeji, sondern auch die Städte Herculaneum und Stabiä mit ca. 2.000 Opfern. Beim Ausbruch des Ätna 1169 starben rund 15.000 Menschen. Beide Vulkane sind bis heute regelmäßig aktiv. Vergleichsweise harmlos wirkt das jedoch zu den Ausbrüchen, die vor allem Indonesien regelmäßig heimsuchen. Fast 100.000 Menschen starben so 1815 beim Ausbruch des Tambora vor allem durch nachfolgende Aschewolken sowie Erdbeben und Flutwellen. Die Sonneneinstrahlung war so sehr beeinträchtigt, dass der Sommer 1816 auch in Amerika und Europa ausfällt.

Ähnliches befürchten Vulkanlaien auch jetzt weltweit. Gigantische Aschemassen steigen seit dem 14. April bis zu 11 Kilometer in die Luft auf. Wann der Ausbruch ein Ende hat, kann niemand voraussagen – über fast zwei Jahre zog sich der letzte, harmlosere Ausbruch Eyjafjallajökulls im 19. Jahrhundert. Auch mögliche, vor allem gesundheitliche Folgen der Eruption können laut Spiegel Online erst gemacht werden, wenn die genaue Zusammensetzung der Aschewolken analysiert ist. Ein Großteil der Teilchen gelange jedoch sowieso nicht bis zum Boden – eine erhöhte Feinstaubkonzentration wurde aktuell in Deutschland noch nicht gemessen. Sollte der isländische Vulkan noch einige Wochen akut explosiv bleiben, könnte sich das Wetter zumindest in Nordeuropa in den nächsten Wochen um einige Zehntelgrad abkühlen. Erst wenn Eyjafjallajökull Nachbarvulkane zum Ausbruch stimuliert, könnte es einen ähnlichen Sommer wie 1816 geben.

Montag, 12. April 2010

Ich würde alles vergessen, aber vergessen kann ich nicht…


OST-Arbeiter – Aufführung im Berliner Dokumentartheater

(Berlin, 12. April 2010) „Ich war vierzehn, als meine Mama dem Zug hinterherlief, weinend, schreiend, begreifend, dass ich nach Deutschland abgeholt wurde, und sie Angst hatte, mich nie wieder zu sehen“ – Worte des ehemaligen Zwangsarbeiters Leonid Sitko aus dem Theaterstück „OST-Arbeiter“, das seit März im Berliner Dokumentartheater aufgeführt wird. Das Besondere an dieser Produktion: sie wird in den Bunkeranlagen in Zusammenarbeit mit dem Berliner Unterwelten e.V. am Blochplatz aufgeführt. Für die Zuschauer bedeutet dies ein Sprung von der Gegenwart in die Vergangenheit, in den Bunkern sind sie mitten im Geschehen.

Neben der Biographie Leonid Sitkos erzählt das Stück vom Leben der Ukrainerin Soja Kriwitsch. Stellvertretend stehen diese beiden wahren Geschichten für 2,5 Millionen Menschen, die im Zweiten Weltkrieg zur Zwangsarbeit nach Deutschland deportiert wurden. Bilder von einigen dieser namenlosen Menschen hängen eindrucksvoll an den Wänden des Theaters. Soundcollagen und die Räume und Gänge des Bunkers sind beeindruckende und erdrückende Kulisse zugleich.

2003 entwickelte sich dieses Stück aus einer Spendenaktion für ehemalige Zwangsarbeiter. Die Resonanz war so groß, dass das Stück unter dem Titel OST-ARBEITER weiter aufgeführt wurde – seitdem spielt das Dokumentartheater Berlin gegen das Vergessen an.

Vorstellungen:
März bis Oktober 2010, jeweils am 3. Freitag im Monat, 20 Uhr.
Bunker A (Blochplatz), Bad-/Ecke Hochstraße, 13357 Berlin,
Kartenreservierung erforderlich: 030-49910517, www.dokumentartheater.de.

Sonntag, 11. April 2010

Totenbuch des KZ Buchenwald nun online

Weimar - Die Namen und Daten von rund 38 000 Toten des Konzentrationslagers Buchenwald können ab sofort im Internet eingesehen werden. Das digitale Totenbuch sei den Opfer und ihren Angehörigen gewidmet, teilte ein Sprecher der Gedenkstätte Buchenwald am Samstag mit.

Jeder der darin aufgeführten Menschen erhalte so eine virtuelle Gedenktafel. Angehörige könnten der Gedenkstätte weitere Informationen zukommen lassen und damit die Gedenktafel ergänzen. Für das Totenbuch seien mehr als zehn Jahre lang gut 500 000 Dokumente gesichtet und ausgewertet worden. Es soll in den kommenden Wochen neben Deutsch auch in anderen Sprachen im Internet erscheinen.

Am Sonntag jährt sich die Befreiung des NS-Konzentrationslagers zum 65. Mal.
Das Totenbuch kann unter folgendem Link aufgerufen werden: http://www.buchenwald.de/totenbuch

Dienstag, 9. Februar 2010

Geschichte ist öffentlich - Public History an der FU Berlin


(Berlin, 09. Februar 2010) Seit dem Wintersemester 2008/09 kann in Berlin erstmals angewandte Geschichte ‚auf Master’ studiert werden: Public History heißt der anwendungsorientierte, konsekutive Masterstudiengang der Freien Universität Berlin in Zusammenarbeit mit dem Zentrum für Zeithistorische Forschung Potsdam. Dem hohen medialen Interesse an Geschichte sowie der wachsenden Bedeutung von Museen, Gedenkstätten und anderen historischen Lernorten wird so Rechnung getragen.
Neben theoretischen Kompetenzen bietet der Studiengang vor allem praxisnahe Einblicke in die Arbeitswelt von ‚Public History’ – Öffentlichkeitsarbeit, Unternehmensgeschichte und Kulturmanagement stehen während des 4-semestrigen Studiums im Vordergrund. Projektbezogene Praktika sind Pflicht, Auslandsaufenthalte ausdrücklich erwünscht. Lehrbeauftragte aus Museen, Medien oder Politik vermitteln unmittelbar Fachwissen und wertvolle Kontakte in den Arbeitsmarkt des Historikers – und der ist laut Website des Studiengangs breit: Tür und Tor in Medien, Verlagen, Museen, Gedenkstätten, Verbänden, Stiftungen und Unternehmen stehen dem frischgebackenen Master of Arts nach Studienabschluss offen.

www.public-history.fu-berlin.de

Dienstag, 2. Februar 2010

Unsere Bücher auf dem Smartphone


(Berlin, 01.Februar 2010) Auch wenn wir der Vergangenheitsverlag sind, sind wir natürlich nicht von gestern: Alle Titel des Verlags werden als E-Book angeboten – und ab sofort gibt’s bei uns auch ausgewählte Titel für das iPhone über unseren Kooperationspartner Textunes. Den Anfang unserer Reihe Mobile Books machen zwei Sachbuchklassiker: „Vom Kriege“ von Clausewitz und „Das Manifest“ von Marx und Engels – jeweils mit Einleitungen und Informationen.

Karl Marx und sein Freund Engels sind zurück: Nach der Wende 1989/90 wurden noch allerorten die Engels- und Marx-Büsten in der ehemaligen DDR und im „Ostblock“ abgebaut, vergraben und versteckt. Heute lobt selbst die bildungsbürgerlichste Zeitung des Landes, DIE Zeit, das Erbe des Geistestitanen – Karl Marx. Bei uns gibt’s das Manifest für unterwegs für alle getriebenen Möchtegernrevoluzzer zum Antrieb und Nachdenken!

Vom Kriege“ von Carl von Clausewitz ist eines der berühmtesten Sachbücher der Literaturgeschichte. Der preußische Kriegsphilosoph gilt als der europäische Strategielehrmeister. Kaum ein Managerkurs verzichtet heute auf „Vom Kriege“, um das strategische Denken von Entscheidern zu schärfen. Mit einem einleitenden Essay und allen wichtigen Facts zum Buch sowie sechs talking lines für das intelligente Konversieren von Krieger zu Krieger.

Auch zwei unserer spannendsten hauseigenen Sachbücher gibt es künftig auf das Smartphone für unterwegs: „Im Wald, da sind die Räuber“ von Viktoria Urmersbach berichtet über die Geschichte des Waldes – über Schlachten, Märchen, die Försterfilme der Nachkriegszeit und das Waldsterben.

Mit unserem Reiseführer „Die Berliner Mauer. Geschichtstouren für Entdecker“ können Sie die Geschichte der Mauer nacherleben. Zahlreiche Fotos und Karten, anschauliche Texte sowie Hintergrundinfos und Quellenmaterial machen die Geschichtstour zu einem spannenden Erlebnis.

Download: Über iTunes oder www.textunes.de/vergangenheitsverlag

Dienstag, 26. Januar 2010

„Ich ging im Walde so vor mich hin…“ - Eine kleine Kulturgeschichte des Waldes


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„Ich ging im Walde / So vor mich hin, / Und nichts zu suchen, / Das war mein Sinn.“
(Berlin, 26.01.10) Um 1800 dichtete Johann Wolfgang von Goethe diese Zeilen und so ist auch heute noch, wenn Spaziergänger die klare Waldluft atmen und ihre Gedanken schweifen lassen. Wann waren Sie das letzte Mal im Wald? Die Deutschen sind ein Volk von Waldfans und begeisterten Wanderern, wenn man Historikern, Ethnologen und Freizeitforschern Glauben schenken mag. Die Sehnsucht nach dem Wald ist die Sehnsucht von Herkunft und Heimat.
Erst zwischen dem 9. und 7. Jahrtausend vor unserer Zeitrechnung konnte der Wald nach Rückzug der Gletscher überhaupt entstehen. Und kaum war er da, machten ihn die Menschen sich schon Untertan. Er wurde gerodet, verbrannt, musste im wahrsten Sinne des Wortes das Feld räumen. Spätestens in der Eisenzeit wird der Wald zur Kulturlandschaft.
Wir verdanken ihm viel – Nahrung und Heimat, unsere Anfänge als Germanen, mit Herrmann dem Cherusker, dem ersten germanischen Helden im Wald. Märchen und Mythen ranken sich um den Wald – Hänsel und Gretel sind nicht die Einzigen, die sich im dunklen Dickicht fürchteten. Aber der Wald ist Menschenwerk und viel mehr Kulturraum als Natur – sonst hätte er nicht überleben können. Ein Ur-Wald ist schon seit Menschengedenken in Deutschland nur noch Illusion.
Im Mittelalter wird der Wald vom Allgemeingut zum Adelsbesitz – und ist fortan für Jahrhunderte Schauplatz für Konflikte zwischen Herrschern und Untertanen. Die Deutschen haben ihre politischen und nationalen Träume und Konflikte immer wieder mit dem Wald verbunden: Der Wald und wir, das ist eine Art Schicksalsgemeinschaft. Und auch deshalb existiert neben dem lieblichen malerischen Waldbild auch das andere, das des schaurigen, gefährlichen Waldes – Schillers Räuberwald ebenso wie die romantischen Malereien des 19. Jahrhunderts. Nach dem Zweiten Weltkrieg sollte der Wald wieder ein friedlicher, beschaulicher Ort werden: Die erfolgreichsten deutschen Filme Anfang der 50er Jahre heißen „Schwarzwaldmädel“ oder „Grün ist die Heide“.
Doch wie steht es um die Zukunft des Waldes? In den 1980er Jahren sah es so aus, als hätte der Wald keine Zukunft mehr. „Waldsterben“ war das erschreckende Schlagwort – und ein deutsches Phänomen, das im Ausland sofort mit dem innigen Verhältnis der Deutschen zu ihrem Wald in Verbindung gebracht wurde. Tatsächlich ist der Wald in immer schlechterem Zustand: Waren 1984 immerhin noch 44 Prozent des Baumbestandes gesund, sind es 2006 noch 32 Prozent. Immer mehr Nationalparks und Naturschutzgebiete entstehen daher, in denen möglichst nicht von menschlicher Hand in den natürlichen Wachstumsprozess eingegriffen wird. Im nordhessischen Nationalpark Kellerwald-Edersee entsteht gerade die Wildnis von morgen – kein Förster, kein Landschaftsgärtner legt hier Hand an den Wald. Und in paar Jahrhunderten wäre er fertig, der erste deutsche Ur-Wald.
Mehr zu Geschichte des Waldes erfahren Sie in dem Taschenbuch „Im Wald, da sind die Räuber“ von Viktoria Urmersbach.

Dienstag, 24. November 2009

History Sells! - Der Sammelband zur Angewandten Geschichte


Die Vergangenheit bietet sich zunehmend bunt, laut, interaktiv und zum Anfassen dar. Aus Geschichte ist "History" geworden, besser noch: living history, die sich mit dem Entertainment-Anspruch zum Histotainment vereint und in Deutschland wie in vielen anderen Ländern einen ertragreichen Markt darstellt.
Geschichte – auch die universitäre Geschichtsschreibung und die Vertreter des Fachs – muss sich inzwischen auf einem Markt behaupten, auf dem mit immer schärferen Mitteln um die Aufmerksamkeit von Lesern und Zuschauern gerungen wird. Diese Bedingungen bilanziert und kommentiert der Sammelband, wobei der theoretische Referenzrahmen und die Praxis der Angewandten Geschichte in Abgrenzung zur Geschichtswissenschaft dargestellt werden. Die zentralen Fragen dabei sind, wie Geschichtsbilder und Geschichtskulturen aussehen, die durch eine publikumsorientierte Geschichtsdarstellung geprägt sind. Liegt etwa die Zukunft der Historikerinnen und Historiker mehr in der Produktion von Content für PC-Games, bei der Beratung von Fernsehproduzenten oder der Organisation von History-Festivals als bei der wissenschaftlichen Forschung, Darstellung und Lehre in Universität und Schule? Oder etabliert sich gerade eine Dominanz der Unterhaltungsinteressen, die auch auf das wissenschaftliche Feld zurückwirkt und dessen Legitimität und Nutzen genauso in Frage stellt wie die Suche nach "historischer Wahrheit"?

Link zum Franz Steiner Verlag

Dienstag, 17. November 2009

Schatzsuche – Die Agentur Karl Höffkes


(Berlin, 16.11.2009) In aller Welt sucht Karl Höffkes danach: Auf Dachböden, in Kellern oder Flohmärkten hofft er, einen kleinen filmischen Leckerbissen für sein Archiv zu finden. Manchmal stößt er nach jahrelanger Suche auch auf einen ganz großen Schatz – wie auf die Farbfilme, die Hermann Göring einst selbst gedreht hat oder die Privataufnahmen Eva Brauns.

Filme von Privatleuten zwischen 1925 und 1946 sind sein Steckenpferd und bilden die Grundlage für sein Archiv, das mittlerweile zu den größten privaten Filmarchiven der Welt gehört. Auch wenn die Sachen oft nur einen kleinen, persönlichen Teil der Vergangenheit zeigen, bilden sie als Ganzes genommen doch ein Mosaik – der Einblick in die Wirklichkeit der jeweiligen Zeit ist zuverlässiger und authentischer als jedes Schriftdokument.

Ein großes Netzwerk hat der Film- und Geschichtsfan sich in den letzten 25 Jahren aufgebaut, Privatpersonen und auch Händler kommen auf ihn zu und bieten ihm Material an. Manche halten ihre Filmaufnahmen noch unter Verschluss. Doch Höffkes bleibt dran und hofft, „diese Schätze bald heben zu können“.

Ca. 800 Stunden Filmmaterial hat Höffkes über die letzten Jahrzehnte gesammelt. Hunderte von Interviews von Zeitzeugen aus den Jahren zwischen 1914 und 1945 sind darunter. 100.00 Fotos und 50.000 Dias ergänzen seine Sammlung, die mittlerweile als „Sammlung Höffkes“ im Bundesarchiv Berlin lagert.

www.karlhoeffkes.de

Dienstag, 3. November 2009

Bilder schreiben Geschichte


Momentaufnahmen 1989/90

Am 20-jährigen Wende-Jubiläum kommt schon seit Monaten keiner vorbei: Das Fernsehen zeigt regelmäßig spannende Dokus und tragische Filme, Zeitschriften geben ganze Sonderbeilagen zum Thema heraus, Ausstellungen zur DDR oder zur Wendezeit gibt es in ganz Deutschland.


Auch im Internet gibt es zahlreiche Möglichkeiten, sich mit der deutsch-deutschen Geschichte auseinander zu setzen. Eine davon ist das Internet-Archiv „ Wir waren so frei…“, eine Zusammenarbeit der deutschen Kinemathek und der Bundeszentrale für politische Bildung. Hier wird jedem Profi- oder Hobby-Fotograf ermöglicht, seine persönlichen Wende-Fotos online zu stellen und somit einem breiten Publikum zu präsentieren.


Das Internet-Archiv zeigt ausschließlich Filme und Fotos privater Personen aus der Umbruchzeit 1989/90. Die Zeitzeugen erzählen die Entstehungsgeschichten zu ihren Bildern und Filmen und gewähren so persönliche Einblicke in ihr Leben. Eine spannende Möglichkeit, Geschichte greifbar zu machen.

Eine Auswahl der Bilder und Filme zeigt die Deutsche Kinemathek – Museum für Film und Fernsehen seit dem 1. Mai und noch bis zum 9. November 2009 in Berlin.

www.wir-waren-so-frei.de

www.filmmuseum-berlin.de

Dienstag, 15. September 2009

Mit Schirm, Charme und Melone


Eine kleine Kulturgeschichte des Schirms
(Berlin, 15.09.09) Wer den Schirm, ob Sonnen- oder Regenschirm, erfunden oder als Erstes hergestellt hat, ist nicht bekannt. Eine Legende erzählt die gut viertausend Jahre alte Geschichte von Lou Pan, einem chinesischen Baumeister, und seiner Frau. Sie war so besorgt um ihren Gatten, der täglich in der Hitze der Sonne arbeiten musste, dass sie ihm eine Halbkugel aus Laub flocht und diese an einem Stock hochhielt. Damit schützte sie das Haupt ihres Ehemannes: Der erste Sonnenschirm der Welt war geboren. Gern möchte man der Geschichte Glauben schenken, ob sie wahr ist, lässt sich jedoch nicht zurückverfolgen.
Ein Symbol königlicher Würde
Die Menschen der Vor- und Frühzeit kannten Schirme als Schutz vor Regen oder Sonne offensichtlich nicht. Es wurden bislang zumindest keine schirmähnlichen Überreste gefunden. Doch schon die Kaiser der alten chinesischen und orientalischen Dynastien oder auch die Ägypter der Pharaonenzeit wurden mit Schirmen oder Baldachinen in überlieferten Bildnissen dargestellt. Stets galt der Schirm dabei – von Sklaven getragen – als Zeichen königlicher Würde. Sie wurden aus kostbaren Materialien wie Brokat oder Seide hergestellt und mit Edelsteinen verziert. Das Schirmgestell bestand aus geschnitztem Holz oder auch Elfenbein. Auch im Mittelalter blieb der Schirm den Mächtigen vorbehalten. Päpste schützten sich mit ihm vor den Wettereinflüssen, und es dauerte nicht lang, bis jeder Herrscherhof seine eigenen Schirme und Baldachine in den Farben des jeweiligen Wappens besaß. Bald wechselten Aussehen und Material der Sonnenschirme je nach den gängigen Modevorstellungen.
Während für lange Zeit einzig der Sonnenschirm vor zu großer Hitzeeinwirkung schützte, trat ab dem 17. Jahrhundert erstmals der Regenschirm auf den Plan. Dies lag vermutlich am empfindlichen Material der frühen Schirme: Kostbare Stoffe und Edelsteine wollte man nicht dem Unwetter aussetzen. Der Regenschirm als praktischer Gebrauchsgegenstand erfreute sich bald immer größerer Beliebtheit, auch bei Bevölkerungsschichten jenseits der Oberen Zehntausend. Im Gegensatz zum Sonnenschirm, der vor allem ab dem Ersten Weltkrieg vermehrt als Symbol der Dekadenz bewertet wurde, setzte der Regenschirm seinen Siegeszug bis heute fort. Über 80 Millionen Stück wurden schon in den 60ern jährlich verbraucht!
Technischer Fortschritt
War der Schirm zunächst wegen seines Umfangs und Gewichtes eher schlecht zu handhaben, sorgte die technische Weiterentwicklung dafür, aus einem sperrigen, teuren Fünf-Kilo-Gebilde einen leichten, handlichen Begleiter zu machen. So erfand 1846 der französische Mechaniker Pierre Duchampe eine Stahlkonstruktion für den Schirm und ersetzt so das bis dahin übliche schwere Gestänge aus Walfischbein. 1926 wurde schließlich das Teleskopgestell von dem Bastler Hans Haupt aus Breslau erfunden: Das Ergebnis ließ er sich patentieren und nannte es Knirps – ein ausziehbarer, ineinander verschiebbarer Schirm. Er machte den sperrigen Regenschutz schließlich zum alltäglichen Begleiter im Handtaschenformat.
Wer sich für die Geschichte der Schirme interessiert, findet in Weimar ein kleines, einzigartiges Museum: Das Schirmmuseum von Annelies Pennewitz, eine der letzten hauptberuflichen Schirmmacherinnen: Rittergasse 19, 99423 Weimar.