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Dienstag, 31. August 2010

„Nicht einfach so wie ein Schaf verhalten…“ - Interview mit André Herzberg, Sänger der Band Pankow

Die DDR wird nach wie vor kontrovers diskutiert, auch wenn sie als abgeschlossenes Kapitel deutscher Geschichte gilt. Für viele Menschen jedoch war sie gelebte Realität und damit Bestandteil ihrer Biografie. Historikerinnen und Historiker befragen in diesem Band Menschen aus der ehemaligen DDR zu ihren persönlichen Geschichten: Wie war das Leben in der DDR? Was motivierte sie, sich für oder gegen diesen Staat zu engagieren oder sich mit ihm zu arrangieren? Wie wurde der Zusammenbruch der DDR erlebt? Und wie beurteilen sie Leben und Handeln in der DDR im Rückblick?

Mit diesen Fragen beschäftigt sich der Interviewband "Verlorene Zeiten? DDR-Lebensgeschichten im Rückblick. Als Vorgeschmack folgt ein Auszug aus dem Interview mit André Herzberg, Sänger der Band Pankow.


(…)

Nach der Armee haben Sie dann angefangen, Musik zu
studieren.

Ich wollte schon sehr lange Musiker werden, mit 17 oder
vielleicht noch früher. Man brauchte ja in der DDR für
alles einen Schein. Man konnte ja nicht einfach sagen:
„Ich mach’ jetzt Musik.“ Also habe ich mich in Berlin
an der Musikhochschule beworben.

Wollten Sie als Rockstar berühmt werden? Nicht ungewöhnlich
für einen 17-jährigen …

(Lacht) Ich hatte mal so ein Erlebnis mit 14, da habe
ich ein Lied gesungen mit einer Band und hab’ gemerkt,
das klappt mit den Mädchen ganz gut. Also, dass man
da sofort mit anderen Augen angesehen wird. Aber was
das für eine Welt ist, das Leben der Popstars als solches,
darüber hab’ ich gar nicht nachgedacht, das wusste ich
ja gar nicht. Dafür gab es ja in der DDR gar nicht den
Horizont. Es gab da irgendwie die Puhdys, aber die
fand ich ja ganz ätzend. Und alles, was ich so bewundert
habe, war ja eigentlich im Westen.

Welche Musik haben Sie damals gern gehört?
Ein frühes Album zum Beispiel war James Brown live,
dieses Ekstatische, was von dieser Musik rüberkam, das
hat mich wahnsinnig fasziniert: Über die Musik konnte
man was ausdrücken, man konnte da so eine Ekstase
rauslassen, die jenseits war von Sprache. So was ganz
Wildes, Innerliches, was ich vielleicht in mir glaubte zu
fühlen. Ich glaube, das hat mich gekitzelt.

Worauf sollte das Musikstudium hinauslaufen?
Man bekam einen Berufsausweis: Musiker, eine Einstufung,
und auch, wie viel Geld man bekommt. Und mit
dem konnte man auf die Bühne gehen. Ich hatte aber
mit anderen Musikern das Problem, dass das, was ich so
in meinem Kopf hatte, eigentlich gar keinen interessiert
hat. Zu der Zeit war das Wichtigste für jeden Musiker:
Wo bekomme ich die Arbeitsmittel für die Bühne her?
Instrumente, Verstärker und Gesangsanlagen. Alles kam
aus dem Westen. Das heißt, unter Musikern haben wir
eigentlich gar nicht über Musik geredet, sondern über
dieses Besorgen oder das Basteln. Man hatte ja eine
unglaubliche Fantasie entwickelt, Sachen auch selber zu
bauen. Und wenn über Musik nachgedacht wurde, dann
fast immer über das Nachspielen. Denn das Publikum
wollte eigentlich größtenteils irgendwas Internationales
nachgespielt bekommen. Wenn sie schon nicht die
Originale hören konnten, dann sollte der Musiker es
ihnen so gut wie möglich kopieren. Aber das waren
Sachen, die ich nicht machen wollte. Das heißt, ich
brauchte erstmal eine ganze Weile, bis ich überhaupt
Musiker gefunden hatte, die meine Vorstellungen teilten.
Fündig wurde ich dann bei einem Gitarristen, der mit
mir zusammen studiert hatte, der wollte zumindest
eigene Lieder schreiben – und zwar auf Deutsch, das war
mir wichtig. Gleichzeitig haben wir nachgespielt Nina
Hagen, Ian Dury – Beginn von New Wave, Ausläufer
von Punk. Wenn ich auf die Bühne gegangen bin, das war immer
so eine Form des Verkleidens. Sich die Augen anmalen,
irgendeinen Hut aufsetzen und: „WAAH!“ – die
Leute erschrecken. Das hat mir einen sagenhaften Spaß
gemacht, und so ungefähr muss man sich dann dieses
eine Jahr Gaukler Rockband vorstellen, so hieß nämlich
die Band. Wirklich mit einem Schrei auf die Bühne
und Unsinn machen.

1981 kam dann Pankow.
Genau. Veronika Fischer, das war so eine Sängerin, die
war schon sehr populär in der DDR, ging in den Westen.
Das passierte laufend, irgendwelche Leute wurden groß,
und irgendwann, wenn sie richtig groß geworden waren,
gingen sie in den Westen. Und so war das da auch, ihre
Band suchte dann einen Ersatz. In der Situation – ich
war grad rausgeflogen bei Gaukler – haben die mich
gefragt, ob ich mitmache. Naja, so kam es zur Gründung
von Pankow.

Wie würden Sie denn Pankow verorten in der DDR
Musikszene, war das etwas Neues?

Ja, damals wurde es jedenfalls von den Leuten als etwas
Neues begriffen. Auf jeden Fall. Ich meine, wir haben
mit Theaterrock angefangen – das hat es in der DDR
auf gar keinen Fall vorher gegeben. Außerdem war die
Musik für DDR-Verhältnisse sehr rockig, und die Texte
waren sehr dicht am Alltag. Wir selbst haben uns – muss
ich schon sagen – als Elite verstanden.

War Pankow eine politische Band? Ich denke da an Lieder
wie ‚Langeweile‘ ...

Ich selbst würde das immer mehr bestreiten. Ich habe
ja eigentlich immer das Gefühl gehabt, dass die Politik
in meine Lebenswelten eingedrungen ist. Von außen.
Erstmal war die DDR so ein Land, in dem du dich
nicht nach links und rechts drehen konntest, ohne
dass du nicht schon irgendwie dazu genötigt wurdest,
eine politische Aussage zu machen. Also, man wurde
sofort politisiert. Und ich meine – ‚Langeweile‘: Es
ging mir wirklich nicht darum, ein politisches Lied
zu machen, in keinster Weise. Ich habe versucht, ein
Gefühl zu beschreiben. Dass dieses Gefühl dann auch
eine politische Komponente hatte, ja, Gott, ich hab’
nichts dagegen.

Es gab einen Auftritt im Palast der Republik am 30. Januar
1983, wo Sie in Wehrmachtsuniform aufgetreten sind.

Der Anlass war 50 Jahre Machtergreifung des Faschismus.
Also, das hängt auch wieder sehr mit meiner
Biografie und ... ja, und eigentlich mit meiner Mutter
zusammen, mit ihrem Hass auf die Mitläufer ... Und
dann hatte ich mir so überlegt, es gab von uns ein Lied,
das heißt ‚Ich bin lieb‘. Das geht so: „Ich bin lieb, ich
bin immer lieb, dem lieben Gott geb’ ich seins, dem
Staat geb’ ich seins, wenn andere pfeifen – ich tanze...“,
und so weiter und so fort. Und aus diesem Lied hab’ ich
dann einen Monolog entwickelt: Was es für Gründe
gegeben hat, mit Hitler mitzumarschieren, und warum
man mit in den Krieg marschiert ist. Und das hab’ ich
dann aufgesagt und mir währenddessen eine Wehrmachtsuniform
angezogen. Also, das heißt, ich bin in
Unterwäsche auf der Bühne erschienen und erst beim
Anziehen dieser Uniform – dieser Wehrmachtshelm,
die Soldatenuniform und so weiter – wurde klar, wer
da gerade spricht.

Wurde das als Provokation empfunden?
Der ganze Auftritt, bis fünf Minuten vorher, stand
total in Frage: „Was willst du denn, was soll das alles?“
Und: „Wie meinst du das?“ Und so weiter und so fort.
Im Rundfunk wurde dann über meine Ansage drüber
gesprochen, es gab eine Live-Übertragung von dem
Konzert, und da haben sie versucht, das auf diese Weise
zu zensieren.

Warum wurde zensiert?
Weil sie Angst hatten, glaub’ ich. Vielleicht, dass der
Mitläufer 1933 der gleiche Mitläufer ist wie 1983 in
der DDR, was das ja auch suggerierte? ‚Ich bin lieb‘
ist eigentlich ein Lied, das sich auch mit der DDR-Wirklichkeit
auseinandergesetzt hat. Wenn man sich
mal reinversetzt in so einen (lacht) Polit-SED-Kulturfunktionär,
der könnte ja sagen: „Wie kann man denn
das gleichsetzen?“ Oder so.

Haben Sie das auch so gemeint?
So bewusst nicht, nein. Wie soll ich sagen? Mir ging es
um eine Abrechnung mit den Mitläufern. Dass es mit
der DDR auch was zu tun hatte, hatte ich mir so gar
nicht überlegt. So weit war ich noch gar nicht. Manchmal
hat man einen künstlerischen Einfall, da kann man
gar nicht genau sagen, was das eigentlich ist. Es ist
erstmal einfach ein Bild, ein inneres Bild.

Sie unternahmen Westreisen, waren Mitte der 80er Jahre
das erste Mal im Westen.

Ja ... (lacht). Wie der Besuch auf dem Mars.

Was haben Sie als ‚marsartig‘ erlebt?
Alles. Die Gerüche... War alles zu viel. Also, das war
so, wie wenn auf einmal das Licht eingeschaltet wird,
von grau nach Farbe, von leise nach laut. Das war
sehr, sehr anstrengend, muss ich sagen. Also gerade in
Deutschland-West konnte ich das wenig genießen. Weil
ich das immer irgendwie als anstrengend empfunden
habe: Was ist denn das? Was ist das hier alles? Das gibt’s
doch gar nicht! Man rennt wie atemlos, nachher bin
ich manchmal durch Kaufhäuser gelaufen, wie ersoffen
sozusagen, und denke, gibt’s doch gar nicht: das, das,
das, das, das, das, das ... Und irgendwann ist man so
durchgedreht, dass man sagt: „Jetzt schnell wieder in die
Zone zurück. In mein Grau, in meine graue Welt.“

Sie haben nie überlegt, im Westen zu bleiben?
Die Frage hab’ ich mir auch neulich mal wieder gestellt.
Naja, ich war dort nicht zu Hause. Ich meine, es war
ja auch ganz simpel: Im Osten habe ich mein Geld
verdient, da war meine Band, meine Familie sowieso.
Ich glaube, so einfach ist das nicht.

(…)


Das Interview führte Cornelia Siebeck

Dieses und weitere Interviews in dem neuen Interviewband des Vergangenheitsverlags: Siebeck, Cornelia / Schug, Alexander / Thomas, Alexander (Hg.), Verlorene Zeiten? DDR-Lebensgeschichten im Rückblick – eine Interviewsammlung, Berlin 2010.


www.vergangenheitsverlag.de

Donnerstag, 10. Juni 2010

Verlorene Zeiten? Video zur Buchneuerscheinung

Die Herausgeber der Interviewsammlung "Verlorene Zeiten", Alexander Thomas und Cornelia Siebeck, haben ein gutes Stück Arbeit hinter sich: Über 2 Jahre lang dauerte die Arbeit an dem Buchprojekt, bei dem annähernd ein Dutzend Interviewer und die Berliner Fotografin Monique Ulrich mitgearbeitet haben. Historikerinnen und Historiker befragen in diesem Band Menschen aus der ehemaligen DDR zu ihren persönlichen Geschichten: Wie war das Leben in der DDR? Was motivierte sie, sich für oder gegen diesen Staat zu engagieren oder sich mit ihm zu arrangieren? Wie wurde der Zusammenbruch der DDR erlebt? Und wie beurteilen sie Leben und Handeln in der DDR im Rückblick? Zu Wort kommen dabei nicht nur bekannte Persönlichkeiten wie der Politiker Hans Modrow, der Theologe Hans Misselwitz, die Künstler Klaus Kordon, Bert Papenfuß oder André Herzberg (Sänger der DDR-Kultband „Pankow“), sondern auch ein Bergsteiger, eine Kulturbundsekretärin oder eine Altenpflegerin. Insgesamt entsteht eine außergewöhnlich eindringliche, aber auch widerspruchsvolle Momentaufnahme subjektiver Auseinandersetzung mit der DDR-Vergangenheit 20 Jahre nach dem Mauerfall. In einem sind sich die Interviewten dabei einig: Verlorene Zeiten waren das nicht. Thomas und Siebeck erzählen in dem Video, was sie an der Fragestellung besonders gereizt hat.

Dienstag, 3. November 2009

Bilder schreiben Geschichte


Momentaufnahmen 1989/90

Am 20-jährigen Wende-Jubiläum kommt schon seit Monaten keiner vorbei: Das Fernsehen zeigt regelmäßig spannende Dokus und tragische Filme, Zeitschriften geben ganze Sonderbeilagen zum Thema heraus, Ausstellungen zur DDR oder zur Wendezeit gibt es in ganz Deutschland.


Auch im Internet gibt es zahlreiche Möglichkeiten, sich mit der deutsch-deutschen Geschichte auseinander zu setzen. Eine davon ist das Internet-Archiv „ Wir waren so frei…“, eine Zusammenarbeit der deutschen Kinemathek und der Bundeszentrale für politische Bildung. Hier wird jedem Profi- oder Hobby-Fotograf ermöglicht, seine persönlichen Wende-Fotos online zu stellen und somit einem breiten Publikum zu präsentieren.


Das Internet-Archiv zeigt ausschließlich Filme und Fotos privater Personen aus der Umbruchzeit 1989/90. Die Zeitzeugen erzählen die Entstehungsgeschichten zu ihren Bildern und Filmen und gewähren so persönliche Einblicke in ihr Leben. Eine spannende Möglichkeit, Geschichte greifbar zu machen.

Eine Auswahl der Bilder und Filme zeigt die Deutsche Kinemathek – Museum für Film und Fernsehen seit dem 1. Mai und noch bis zum 9. November 2009 in Berlin.

www.wir-waren-so-frei.de

www.filmmuseum-berlin.de

Dienstag, 18. August 2009

Das Notaufnahmelager Marienfelde


Ein Interview mit Bettina Effner, Leiterin der Gedenkstätte

Das Notaufnahmelager Marienfelde war für viele Flüchtlinge aus der DDR und Ost-Berlin die erste Anlaufstelle nach der Flucht. Die 1953 eröffnete Einrichtung bot für rund 2.000 Menschen Platz. Obwohl bis 1961 immer weiter ausgebaut, war das Lager ständig überbelegt. Mit dem Bau der Berliner Mauer versiegte der gewaltige Flüchtlingsstrom schlagartig. Neben Flüchtlingen und vor allem Übersiedlern, die weiterhin aus der DDR kamen, nahm das Lager jetzt auch Aussiedler aus anderen Staaten auf. Von der neuen Flüchtlingswelle 1989 wurde es geradezu überrollt.
Die letzten Flüchtlinge und Übersiedler verließen Marienfelde 1993. Seitdem diente das Notaufnahmelager dem Land Berlin als zentrale Aufnahmestelle für Aussiedler. Zum Jahreswechsel 2008/2009 wurde das Aufnahmelager endgültig geschlossen. Schon im Herbst 1993 wurde der Verein Erinnerungsstätte Notaufnahmelager Marienfelde e.V. gegründet. Er betreibt seitdem eine ständige Ausstellung zur deutsch-deutschen Fluchtbewegung. Am 31. Dezember 2008 hat der Trägerverein die Geschäfte an die Stiftung Berliner Mauer übergeben.
Im Interview: Bettina Effner, Leiterin der Gedenkstätte Notaufnahmelager Marienfelde
1. Was genau erwartet den Besucher in Ihrer Dauerausstellung „Flucht im geteilten Deutschland“ am authentischen Ort?
Die Besucher erwartet eine sehr anschauliche Darstellung verschiedener Stationen, die mit einer Flucht im geteilten Deutschland verbunden waren: Wir zeigen, welche politischen Maßnahmen des SED-Regimes und welche konkreten Konflikte es waren, die zwischen 1949 und 1990 rund vier Millionen Menschen aus der DDR wegtrieben. Wir dokumentieren die immer enger werdenden, nach 1961 oft lebensgefährlichen Wege, die Fluchtwillige nutzten, um die DDR zu verlassen. In einem Raum mit 12 Türen können die Besucher nachvollziehen, wie das Notaufnahmeverfahren für die Flüchtlinge funktionierte. Ein anderer Themenraum ist der Frage gewidmet, wie es nach der Aufnahme im Westen weiterging. Auch über die Maßnahmen, mit denen die Staatssicherheit der DDR gegen das Aufnahmelager vorzugehen versuchte, können sich unsere Besucher informieren.
2. Welches Flüchtlingsschicksal ist Ihnen in besonderer Erinnerung geblieben? Haben Sie ein Objekt, das Ihnen besonders am Herzen liegt?
Sehr betroffen hat mich das Schicksal eines Flüchtlings, der als 18-Jähriger durch den Teltowkanal nach West-Berlin entkam, später als Fluchthelfer arbeitete und ausgerechnet bei dem Versuch, seine Schwester in die Bundesrepublik zu bringen, verhaftet wurde. Nach fünf Jahren Gefängnis wurde er freigekauft. In unserer Ausstellung erzählt er seine Geschichte, ebenso wie an vielen Audio- und Videostationen weitere Zeitzeugen von ihren Erfahrungen auf der Flucht und im Notaufnahmelager berichten. Dieser biografische Zugang ist uns sehr wichtig. Ein Exponat, das ich besonders schätze, ist ein Stoffbär, der ganz harmlos aussieht und in unserer Ausstellung wahrscheinlich zunächst überrascht, aber mit einer dramatischen Geschichte verbunden ist: Er diente als Erkennungszeichen für die Fluchthelfer, die einen Vater mit seinen 12 und 13 Jahre alten Töchtern über die Transitstrecke im Kofferraum in den Westen schmuggeln sollten.
3. Wie sah der Alltag der Bewohner im Notaufnahmelager konkret aus?
Der Alltag im Notaufnahmelager war vom Warten bestimmt: Schritt für Schritt mussten sich die Bewohner durch die vorgeschriebenen Stationen des Aufnahmeverfahrens arbeiten, dabei zahlreiche Behördengänge, Befragungen und auch Arztbesuche absolvieren. In den Jahren vor dem Mauerbau waren zudem Enge und Gedrängtheit in den Unterkünften und auf den Fluren charakteristische Erfahrungen. Zu den Hochzeiten des Flüchtlingszustroms in den Fünfzigern meldeten sich vielfach über 100.000 Flüchtlinge pro Jahr in West-Berlin. Der Mauerbau schnitt diese Bewegung radikal ab, so dass es leerer und ruhiger im Notaufnahmelager wurde und hier ab 1964 auch Aussiedler untergebracht werden konnten.
4. Gab es Versuche seitens der DDR auf das Lager einzuwirken, und wie reagierten die West-Berliner Anwohner auf die ankommenden Menschen aus dem Osten?
Das Ministerium für Staatssicherheit (MfS) der DDR betrachtete das Notaufnahmelager Marienfelde von Anfang an als ein „Feindobjekt“, weil es aus seiner Sicht mit subversiven Aktionen verbunden war: Als „Lockmittel des Westens“ verleitete es, so meinte das MfS, zahlreiche Menschen aus der DDR zur Flucht oder Ausreise, was vom Gegner dann als „Abstimmung mit den Füßen“ gegen das SED-Regime gedeutet werden konnte. Entsprechend versuchte das MfS, das Aufnahmelager mit allen Mitteln auszuspionieren und zu schädigen. Unter anderem wurden erfolgreich IM eingeschleust, die Namen von Flüchtlingen weitergaben und ihre Fluchtwege und Helfer auskundschafteten. Für die West-Berliner bedeutete der Flüchtlingszustrom zumal in den fünfziger Jahren eine starke Belastung, da sie selbst noch unter den Kriegsfolgen litten. So wurden manchmal Zweifel laut, ob es sich bei allen Ankommenden um „echte“ Flüchtlinge handelte, die tatsächlich auf Grund von politischem Druck die DDR verlassen hatten. Auf der anderen Seite gab es, wie etwa uns vorliegende Spendenbücher zeigen, Solidarität mit den Flüchtlingen, die ihre Freiheit suchten und immer gefährlicher werdende Fluchtwege auf sich nahmen.

Das gesamte Interview ist nachzulesen in dem Buch "Berliner Mauer. Geschichtstouren für Entdecker" des Vergangenheitsverlages.

Dienstag, 28. Juli 2009

Erstes Autorenvideo auf Youtube online

...wir haben uns gedacht, dass unsere Leser wissen müssen, worauf sie sich einlassen, wenn sie unsere Bücher kaufen. Autorenvideos sind da vielleicht nicht schlecht, um ein paar weitere Infos zu geben. Das erste Video - erstellt von Richard Oehmig von der Vergangenheitsagentur - ist jetzt online:

Robert Liebscher über "Wohnen für alle"